Der Idsteiner Milchbub

Bei diesem Gedicht, das als Schreibmaschinen-Skript vorlag, wurden Interpunktion und Schreibweise der Spitznamen unverändert übernommen und die Orthografie nur dort geändert, wo offensichtliche Eingabefehler vorlagen. Aus Raumgründen wurden zwei Zeilen zu einer zusammengefasst.

Der Idsteiner Milchbub
von Otto Junior

Schon vor mehr als dreißig Jahren hab’ ich in Idstein Milch gefahren.
Ich ging fast ein in jedem Haus und leerte meine Kannen aus.
-Die Milch war billig, gut und fett, in manchen Häusern roch’s so nett:
So roch es hier nach Blumenkohl, im anderen Haus nach Alkohol,-
es roch nach Zwiebeln, Bratenfleisch, dann roch es wieder wie eine Leich’,
nach Cloo, nach Keller, es war ein Duft, mir blieb fast weg die ganze Luft.-
So trag ich heute immer noch die Milch bis in den fünften Stock.
Die Leut’ waren zu mir wie Verwandte, weil ich sie all’ beim Namen kannte.
Ich kannte alle,- wie sie kamen,Ob Schwarz, ob Weiß, ob Roth, Rübsamen.
Von diesen schönen Namen sind geblieben: Ich habe sie mir aufgeschrieben;—
Eine gute Zahl,- so wie im Lotto, Die ich zitiere hier im Motto:
Wer kennt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen,
in unserer schönen Vaterstadt, -die Leut’ von Rang und Namen hat.
Nur einige will ich hier nennen, ein Fremdling kann sie ja nicht kennen.
Alle, die heut’ nicht mehr leben, – die sind dann gestorben eben
und wer noch lebt, der soll es wissen, Wie man mit Namen rumgeschmissen.-
Ja,! früher in der alten Zeit,da waren Namen weit und breit
in ganz Idstein wohlbekannt,—Spitznamen, so sagt’ man kurzer Hand.

Ein Braunhemd trug es ist kein Witz,Der gute, alte Bäckerfritz.
Die Straßen fegte überallDer Gassenkehrer Itzekarl.
Oft sah ich mähen die Stolzwies’,Den Christel von der Zuckerlies.
Als Taxifahrer, Magistrat hat ärger,Holzschneidemeister Alteberger.
Kamin so nennt man auch die esse,Der Schanste hat eine grosse Fresse.
Mit Kleiderhandel schlug sich rum,Sein Bruder Adolf, der hieß Brumm
Ein Maulschuster wie eh und jeh,Den Mahnefranz ich heut’ noch seh’.
Als Polizist und Ordnungshüter,Beruhigt Hanfereh unsere Gemüter.
Schinken ist ein feines essen Und Schinken, den kann man nicht essen,
Das ist ein Mann von wuchs ganz klein,Das kann nur unser Hermann sein.
Metzger gab es viele hier, Mit und ohne Laden,—
Der Eisler ist noch einer hier, Ging oft im Wolfsbach baden.
Auch Prinzen gibt es überall, So gibt es hier den Prinzenkarl.
Gleich dicht dabei am Wiesenrand Dem Hemetz seine Wiege stand.
Milchschmitt, so hieß die Herbergsmutter,Sie gab den Dippelbrüder Futter
Und Futter näht in jeden Rock, Der Useschmidt im ersten Stock.
Er wohnte mir ist’s noch im Kopf Vis a vis von Ella Zopp.
Gesäß wird unser Arsch genannt, Das Spengler-Arschchen war bekannt.
Hämmerchen, so hieß auch einst ein Meister, Mit viel Geschrei weckt er die Geister,
Auf Häuser und auf Turmes-Zinnen, Vor seinem Geschrei gab’s kein Entrinnen.
warum man Judo den Kappus nennt, ein Baumensch den doch jeder kennt.
Der Itzigs-Max das war ein Jud, ich kannt’ die Leut’ die waren gut.
Ehrlich ist ein Wort mit Klang,- Ehrlich hieß ein Bauersmann.–
Ein Erbhof in der Schulgass’ stand, Vom Schusterschütz mit reichlich Land.
Ein Schütz war auch der Ökonom, so hieß der Landmannn früher schon.-
Noch einen schütz hab’ ich gewittert, Ich glaub’ es war der Schütze-Bibbert.
Ei Makkostoff ist zart und fein,der Makko konnt’ ein Schläger sein.
Voll seltner Bäume steht der Wald,der Brogelbaum, der ist uralt.-
Mut zeigt auch der lahme Muck,Der Courasch war kein Mameluck.
Die Kapelle ist ein Gotteshaus, Chapell wohnt in der Ritzbach draus.
Nicht weit davon im andern Eck, Da wohnte auch der Gerber-Schepp.
Geschmacksmeister der Zissenbach War Scheppe-Dick ein Mann vom Fach.
Dann gab’s auch noch in unserer Mitt’,Ein Althändler der Brotzelschmitt.
Weil ich hier gerade bin bei Schmitt, Ein Sattler noch der hieß Nitt-Nitt.
Auch Ratten gab’s in unserer Stadt, Wohl dem, der keine Ratten hat.
Am Marktplatz in des Talesgrund, Machte einst der Scholtes sich gesund.
Ein Schlaukopf ist wohl niemals dumm, Sein zweiter Name war Cochum.
Ein Eisverkäufer, der schon tot, Der hatte Haare, die waren rot
Die Kinder sagten Ollle-Witzer, Es war aus der Borngass’ Beste-Schwitzer.
Wo, heut’ das Konsum ausgebaut, Haben Oelus früher herausgeschaut.

Dies waren Namen alter Art Und neue hab’ ich in der Tat,
Noch einen großen Haufen,–
Wie komisch sich die Leute doch Früher ließen taufen.—

Beim Sportverein stand auf der Lauer, Den Ball im Netz, es war der Schauer.
Im Rennen zeigte sich in Form, Der Eckenrenner ganz enorm.
Als Lehrling war beim alten Barthel Der alte Binnes der war ohne Tadel.
In Götze-Wirtschaft, wie ich sie kenn’ Stand hinterm Büffet die Antenn.
Ein Schmitt gab’s noch ihr könnt mir’s glauben
Petroleum-Schmitt ließ der sich taufen.
Ress Walter hieß hier einst ein Mann, Wir sagten immer Oele-Kann.
Biedre Leut’ sind niemals Lumpen, Ein biedrer Mann ist Rückers-Stumpen.
Fußballer sind manchmal Holzer, So einer war der Christe-Bolzer.
Dann gab’ s noch einer der hieß Christ, Das war der Fänger wie ihr wißt.
Der Häfner war ein Schmetterling, in Süßlings Netz er sich verfing.
Ohne Dampf das ist ein leerer Wahn, Fuhr Strobels-Kohn die Eisenbahn.
Ein Frühstück zwei belegte Brötchen, Die Wurst die war vom Schuler-Tötchen.
Die Heckemühl’ am Wörsbachstrand Und Heckemüller wurd’ genannt
Ein Fuhrmann, der fuhr immer Holz, Die Gäul’ die waren sein ganzer Stolz.
Ei, Ei, sagt man und meint den Dotter Ein Bierkutscher ist Gustav-Motter.
Als Schulbub arbeitete schon für Lohn Bei Kornachers der Krafte-Kohn.
Der Schockert-Lehr wohnt ganz dort droben Auf der Schäfer-Gass dort oben.—
Überall im ganzen Land,—Ist der Nasen-Karl bekannt.
Ein Katzuff war’s, es war kein Bäcker, Man nannte ihn ganz einfach Hecker.
Wo heut die Landesbank zählt Eier, Wohnte Fritz-Fritz einst der Ziegenmeyer.
Eier-Pfaff ein Mann vom Rhein, War Bademeister beim Verkehrsverein.
Ein Schwager hat der Hohly-Seppel als verwandte, Ein Mann, den man als Iwan kannte.
Den Closchums-Heinrich kannten alle, Er lebt nicht mehr er ist gefalle.
Am Ochse wo’s heut stinkt nach Fisch, Da wohnte Bumbels-Heinerich.
Der Pfeife-Karl war auch ein Schlächter, Wo’s Roosche wohnt das ist ein Blechner.
Als Autos waren noch unbekannt, Fuhr Gaase-Marie durch das Land.
Immer trug sie lange Röcke,Vor dem Wagen hatte sie zwei Böcke.
An Silvester-Nacht da ging es los,Das Feuerwerk in seiner Hos’
Damals ein Bub’ das ist ganz klar,Heute ein Mann, der Kilians-Schwarzer war.
Reimanns-Karlche hold und bieder,Sang in der Kron’ die schönsten Lieder,
Nur selten war er Gast zu Haus’, Weil er pflückt einen Blumenstrauss.
Selbst von Vögel hat man Namen, Raben die vom Himmel kamen.
Enten aus dem großen Teich, Machten sich oft komisch reich
Hähnchen auch Pulatten heut’ genannt,Bei uns als Gickel-Ferdnand nur bekannt.
Die Amutz ist doch ein Insekt,Was in so einem Kerbtier alles steckt.
Ein Schaustück war sie von Format,Die Beste-Jett auf ihre Art.
In der Borngass’ hat sein Budche Ein Schreiner das war Christian-Hutche.
Dicht beim Bahnhof wohnt ein Neuling Es war der Seifensieder Greuling.
Von Wehen kam einst ein junges Mädchen, Die war bekannt als Krempel-Settchen.
Schwarzbärtig und ein Kommunist, War Unleidlich der auch gefallen ist.
Wenn man im Bett muß fleißig schwitzen, Tut man stets Pfeffermünz benützen.
In der Kaffeegass’ da wohnte mal ein Friedrich, Den nannte man den Kaiser-Dietrich.
Warum das der Feixe-Stecher war, Ist mir bis heute noch nicht klar.
Der Barbier Guckes hatte einen Sohn, Der hieß in der Jugend Empel schon.
Ich kannte einen Mann der machte Gedichte,
Der ging als Blau-Backe ein in die Geschichte.
In der Brauerei fuhr Bier ein Mann mit Schnauzer,
Der trank nicht wenig und hieß Gautzer.
Beim Trinkaus schaffte Baume-Bollo, Textilkaufmann ist Greulings-Gollo.
Bei der Pumpstation von da nicht weit,
Da wohnte der Amerikaner-Kappus seiner Zeit.
Ja Kappus gab’s noch vielerlei,–Renz und Gift das sind schon zwei.
Als der Born noch in der Borngass’ stand,War das Raue-Butzche noch bekannt.
Ein Schneider war es, ein Mann ein dicker, Des war der Höhler-Karl der Zwicker.
Kleintierfelle kauft en Mass’, Der Moritz aus der Kaffeegass’ –
Von eh und je war er bekannt, Als Herrsche-Moritz in dem Land.
Der Heymann stets im grauen Kittel, Verkauft als Mortsche Futtermittel.
Als Hamphilipp stand seinen Mann, Der Ruppert aus dem Goldnen-Lamm.
Die schwarze Kunst verstand wohl keiner, so gut wie der kleine Oppenheimer.
Er war so niedlich wie ein Gartenzwerg, Bei uns bekannt als Gutenberg.
Der Hatschi wohnte beim Metzger Roos Hieß Fritz und hatte einen kleinen Stoß.
Konditor, Agent und Separatist, War der Schloss-Kater wie ihr alle wißt.
Im Kirchengärtchen irgendwo, Da hieß doch einer Klavigo.
Ein Rentier zieht den Schlitten mit, Auf der Kreuzgass’ wohnte der Lappenschmidt.
Bachor, so hieß doch einst ein Bauer, Das war der Vater von dem Schauer.
Eine Bauersfrau Rübsam benannt, Die war als Gotche nur bekannt.
Ein Bauer war’s auf jeden Fall, Das war bei uns der Schuster-Karl.
Gesoffen hat in einer Tour Der Adolf Mager der die Brautleut fuhr.
Das Bolles wurde streng bewacht, Vom Harrach bei Tag und in der Nacht.
Der Bernhard-Heinz hat ein Gaul, Dem hat er zugenäht das Maul.
Für’s Mielchen tat sich stets erwärmen, Der Mann mit seinen kurzen Ärmchen.
Mich nannte man Napoleon, Doch saß ich nie auf einem Thron.
Vergessen hätt’ ich bald zum Schluss, Den Wilhelm aus dem Kaffee-Russ
Kurz Wilhelm-Russ wurd’ er genannt, Er hatte stets eine Frauenhand.
Ihr Lieben alle hier im Saal, Tragt mir nichts nach in keinem Fall,
Zwar habe ich schon oft gesponnen, Doch diese Namen hab’ ich nicht ersonnen.
Ich habe sie auch nicht gemacht, Ich habe sie nur heute zu Papier gebracht.
Ja, diese Namen welch’ ein Glück, Versetzen uns in eine schöne zeit zurück.
Von mir war es ein Scherz,- kein Hohn,Euer Applaus,- das ist mein Lohn.—


Zusammengestellt von: O t t o  J u n i o r, in freundlicher Erinnerung an meine Geburtsheimat Idstein im Taunus und für meine Idsteiner Freunde, die sich dieser schönen zeit erinnern.